Ich bin immer wieder aufs Neue voller Staunen, wenn ich eine mir bisher völlig unbekannte kulturelle Szene entdecke. Offensichtlich gibt es so viele dieser Paralleluniversen: wunderschöne Planeten, die ihre eigenen Umlaufbahnen fliegen, ihre eigenen Ökosysteme haben und ihre eigenen wunderbaren Sprachen sprechen und sich einander so oft gar nicht begegnen.
So erging es mir vor einigen Monaten bei der Entdeckung des Brazilian Zouk, eines langsamen Tanzes mit einem hypnotisierenden Dreierschritt im Viervierteltakt. Ich hatte noch nie davon gehört und habe es eigentlich ganz zufällig entdeckt. Und doch ist das eine so tiefe Szene mit einer erstaunlich facettenreichen Ästhetik.


Viele Tänzer:innen der Szene definieren die Musik als eine Art „langsamen Lambada“. Südamerikanische Combo-Klänge mischen sich mit tiefen, langsamen, synkopierten, bassigen Beats. Die Stimmung wechselt dabei von leichter, poetischer Romantik zu süßlicher, berauschender Melancholie und wirkt manchmal fast tranceartig und düster. Der Tanz ist faszinierend. Am Anfang sah es für mich fast wie Kontaktimprovisation aus: fließend, weich, eng, manchmal knisternd sinnlich, und immer wahnsinnig ästhetisch. Die Tänzer:innen bewegen sich ständig, ihre Hände und Kopfbewegungen zeichnen Kurven und Spiralen durch die Luft, die niemals ein Ende zu nehmen scheinen.


Ich lerne seit einigen Monaten selbst tanzen und habe die Gelegenheit, bei wunderschönen Socials (= level-offene Tanztreffs, so etwas nannte man früher altmodisch „Tanztee“) mit erfahrenen und weniger erfahrenen Tänzer:innen den Tanz auszuprobieren. Zuletzt fand ein stimmungsvolles Social des Brazilian Dancing Pott e.V. in Bochum statt, das ausnahmsweise in einem offenen Areal vor der Jahrhunderthalle organisiert wurde. Dank des unermüdlichen Einsatzes des fleißigen Organisators und ausgezeichneten Tänzers Simon Schwientek hatte ich dann auch die Ehre, die Tänzer:innen zu fotografieren. Mir war lange ein Anliegen, den unglaublichen Reiz und Eleganz und die hohe Emotionalität und Verbindung, die darin entsteht, künstlerisch festzuhalten. Entstanden ist eine spannende Serie mit vielen wunderschönen tanzenden Menschen – eine tolle Erfahrung!


Für Fotograf:innen gibt es hier einige Tipps zum Fotografieren von Tänzer:innen im Live-Kontext im Allgemeinen und Zouk-Tänzer:innen im Besonderen.

Tipp 1: Benutzt hohe Brennweiten.

Paartanz, insbesondere Zouk, lebt von einer sehr konzentrierten, non-verbalen und durch subtile Gesten angedeuteten Kommunikation zwischen dem Leader und dem Follower. Diese solltet ihr auf keinen Fall stören! Daher solltet ihr möglichst weit weg stehen und hohe Brennweiten verwenden.

Tipp 2: Verwendet Zooms.

Zouk-Tänzer:innen drehen sich mit großer Mobilität und ändern oft ihre Position. Typisch sind auch viele Drehungen um die eigene Achse. Das kann dazu führen, dass die Tanzenden plötzlich mit dem Rücken zu euch stehen. Ihr solltet euch darauf einstellen, möglichst mobil zu sein und Position und Abstand spontan anzupassen. Meidet daher Linsen mit festen Brennweiten, da diese für die Situation zu unflexibel sind.
Ich habe für diese Serie ein RF 70-200 f2,8 verwendet: hoher Abstand, große Flexibilität und dabei …

Tipp 3: Weite Blende!

Das ist essentiell. Tanzaufnahmen erfordern sehr kurze Belichtungszeiten (1/250 s ist das Minimum, gerne noch schneller), wodurch natürliches Licht zu einem kostbaren Mangelgut wird. Wenn ihr also keine dunklen Gesichter und Figuren haben möchtet, haltet eure Blende weit offen! Das wird euch auch dabei helfen, schöne Bokehs zu erhalten, und ihr könnt die ISO-Werte möglichst gering halten, um unangenehmes Rauschen zu vermeiden.

Tipp 4 – viele Close ups, enge Crops

Viele verfallen der Versuchung, möglichst in der Totale zu fotografieren, um den ganzen tanzenden Körper aufzunehmen. Dies ist jedoch nur bei extrem athletischen, ballettartigen Posen sinnvoll, die beim Zouk eher selten sind. Ansonsten sorgt dies für statisch wirkende Positionen und Detailverlust. Beim Zouk kommt es vor allem auf die Verbindung, die Stimmung und die knisternden Gefühle an. Auch die oft unglaublich detaillierten Posen und die filigranen Stellungen der Hände sind wichtige Details. In Momenten großer Enge entsteht zudem eine knisternde Emotionalität zwischen den Tänzer:innen, die unbedingt vom Bild transportiert werden sollte. Daher: Möglichst viele Close-ups, nutzt die Power eurer hohen Brennweiten und begrenzt Komposition und Crop möglichst auf die Oberkörper.

Tipp 5 – Macht den Follower das Zentrum des Bildes

Wie bei vielen südamerikanischen Paartänzen hat der Leader vor allem die Aufgabe, die Reihenfolge der Figuren zu bestimmen und als Positionsanker zu dienen (oft wortwörtlich: viele Figuren basieren darauf, dass sich der Follower am Leader anlehnt oder ihn als „stabiles Gegengewicht“ benutzt).
Das bedeutet: Der Leader wirkt oft visuell deutlich statischer, während der Follower sich in schwungvollen Bewegungen, breiten Kurven und Drehungen sowie ausgiebigen Kopfbewegungen übt. Oft sind die Posen der Follower ebenfalls deutlich melodramatischer. Macht also die Follower zum Hauptmotiv des Bildes und scheut auch nicht vor Posen und Crops, bei denen sie als einzige zu sehen sind!

Tipp 6 – antizipieren, antizipieren, antizipieren!

Die Regel lautet: Wenn ihr denkt: „Oh, die Pose ist toll, abdrücken!“, ist es meistens schon zu spät. Die Tänzer:innen bewegen sich sehr fließend und schnell, und die Posen wechseln ständig – viel schneller, als ihr jemals reagieren könntet.
Das heißt: Eine gute Pose muss vorhergesehen und antizipiert werden!
Es hilft sicher sehr, wenn ihr die Grundfiguren des Tanzes schon kennt oder euch vorab Videos anschaut, die diese zeigen. Beobachtet bei einem Social außerdem erst einmal eine Weile die Tänzer:innen, fühlt den Rhythmus und macht euch ein Bild von den Grundbewegungen und Geschwindigkeiten.
Sucht euch dabei aus, welche Posen ihr am spannendsten findet, denn es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich viele dieser Figuren wiederholen.
Achtet auf kleine Zeichen, die auf eine spannende Pose hindeuten. Beim Zouk sind es oft sogenannte Prepare Movements: kleine Bewegungen, die in die entgegengesetzte Richtung verlaufen als die bald kommende Hauptbewegung – wie bei einem Diskuswerfer, der sich kurz nach links dreht, bevor er seinen Anlauf nach rechts nimmt. Bewegt euch gedanklich mit den Tänzer:innen mit, anstatt auf eine günstige Pose zu warten. Das wird das Abdrücken im richtigen Moment erleichtern.
Unverzichtbar sind natürlich das Serienauslösen und vor allem der Autofokus im Servo-Modus. Selbst bei bester Vorbereitung ist manuelles Fokussieren oder die Verwendung des One-Shot-Modus bei den ständigen Positionswechseln viel zu riskant und unpräzise.

Tipp 7 – Dramatik in Postproduction unterstützen

Viele Tanzshootings leben von einer inneren Dramatik und einer sehr emotionalen Stimmung. Deshalb sollte die Postproduktion aktiv gestaltet werden, um dies zu unterstützen!
Arbeitet im Post mit hohen Kontrasten, sowohl in der Luminanz als auch in der Farbe. Haltet dabei jedoch Klarheit/Mikrokontrast in Grenzen, da Gesichter ansonsten unnötig überzeichnet werden können. Stellt euch darauf ein, die Beleuchtung der Gesichter oft zu erhöhen, da die engen Posen bewirken, dass das Licht oft auf dem Rücken der Tänzer:innen fällt und die Gesichter in den RAWs sehr dunkel sind. Verwendet oft eine dezente Vignettierung, um die Tänzer:innen ins Zentrum zu rücken.
Mir war eine sehr farbige Ästhetik bei der Serie wichtig. Bei diesem Open-Air-Shooting habe ich dazu die Weißabgleichseinstellung eher warmtonig gewählt, um das Gefühl des warmen Sommerlichts herüberzubringen. Das könnt ihr allerdings auch anders handhaben. Egal, für welche Lösung ihr euch entscheidet: Habt keine Angst vor Drama und Intensität!

Und vergesst nicht: Habt Spaß, lasst euch von der Stimmung mitreißen und bedankt euch nach dem Shooting bei den Tänzer:innen!

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